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Dreimal begraben: Edgar Allan Poe – der Guru des Grauens

Info Allgemein

DREIMAL BEGRABEN

Edgar Allan Poe – der Guru des Grauens

Text von: Andreas M. Gross

Es krachte und quietschte ohrenbetäubend, als der Zug in Baltimore, USA entgleiste. Unkontrolliert rasten Waggons und Lokomotive ausgerechnet in den Hof, wo Friedhofs-Steinmetz Mr. Sisson die fertigen Grabsteine lagerte. Dabei zerschmetterten die fliegenden Wrackteile einen aus weißem Marmor mit der Aufschrift:

„Edgar Allan Poe January 19, 1809 – October 7, 1849“.

Wieder mal dumm gelaufen für Mr. Poe: Der in Boston geborene Erzähler, Lyriker, Journalist und scharfzüngige Kritiker, am meisten bekannt als horrorpoetischer Literatur-Pionier, bekam eine armselige Beerdigung. Immerhin, das Motiv seiner Story „Das vorzeitige Begräbnis“ blieb außen vor: lebendig begraben wurde der „Schreiber des Schauderns“ nicht. Ansonsten liest sich alles rund um das bewegte Leben und den rätselhaften Tod von Edgar Allan Poe wie eine jener Geschichten, die ihn unsterblich machten.

Poes Erzählungen „Das Fass Amontillado“, „Der Goldkäfer“, „Die Grube und das Pendel“, "Die Maske des roten Todes" und viele mehr gelten als ultimative Beispiele für die Literatur der Schwarzen Romantik, ja der „Gothic Story“ schlechthin. Ohne ihn wäre Grusel-Größe Bram Stroker vermutlich kein Dracula eingefallen. Alfred Hitchcock hätte Mordspannung sicher anders auf Zelluloid gebannt, Alice Cooper die Bühne nicht so virtuos mit Horror berockt und ohne Poe wären dem „Prince of Darkness“ Ozzy Osborne und seiner Band Black Sabbath die düsteren Standards der heutigen Metal-Szene schwerlich in den Sinn gekommen.

Poe erfand den Detektivroman und den modernen Krimi mit "Der Doppelmord in der Rue Morgue"; ohne ihn wäre Sherlock Holmes nicht denkbar. Dessen literarischer Vater Arthur Conan Doyle nannte Allan Poe aus gutem Grund „Unser aller Meister“. Baudelaire bewunderte den „Fürst des Grauens“ glühend. Als sein kongenialer Fan und Übersetzer machte er Allan Poe zum Wegbereiter des Symbolismus in Frankreich. Kein Wunder, dass auch die Surrealisten in dem Amerikaner später reichlich Inspiration fanden.

Poe gilt als erster namhafter Schriftsteller der Vereinigten Staaten, der gänzlich von seinen Texten zu leben versuchte. Mit mäßigem Erfolg. Zwar hochtalentiert, war er für seine Unzuverlässigkeit berüchtigt und litt unter Depressionen; man munkelte über Opiumkonsum und viele Zeitgenossen hielten ihn für arrogant. Allan Poe glänzte als Vortragender und seine Literaturkritiken waren Meisterwerke. Speziell die von seinen Schriftstellerkollegen gefürchteten Verrisse – wenig förderlich für Poes Beliebtheit in der exklusiven Ostküsten-Literatenszene, die sich trotzdem gern mit ihm schmückte. Zwar brachte sein Gedicht „Der Rabe“ Edgar Allan Poe kurz vor seinem Tod einigermaßen Erfolg, aber klamm blieb er weiterhin. Dass der Autor immer wieder volltrunken abstürzte, diente seinem Ansehen in den höheren Kreisen der konservativen Südstaaten auch nicht gerade. Laut Wikipedia schrieb ihm ein wohlgesonnener Arbeitgeber einmal: „Edgar, solltest Du wieder durch diese Straßen streifen, fürchte ich, wirst Du auch wieder süffeln, so lang, bis Du ganz von Sinnen bist. ... Auf keinen, der vor dem Frühstück trinkt, ist Verlass!“

Edgar „Eddy“ Poe stammte aus armen und schwierigen Verhältnissen. Früh verlor er beide Elternteile und gelangte als kleines Kind nach Richmond, Virginia, wo ihn der wohlhabende John Allan in seine Familie aufnahm. Der junge Edgar wuchs in einem Leben voller Luxus auf und fügte den Nachnahmen seiner neuen Eltern dem seinen hinzu. Allan Poe überwarf sich als Teenager allerdings mit dem strengen Ziehvater und befand sich fortan in ständiger Geldnot. Nach einer Achterbahn privater Tragödien und gescheiterter Karrieren, seit zwei Jahren verwitwet, kinderlos und kurz vor der Hochzeit mit seiner Jugendliebe, war Poe gerade mal 40, als ihn sein mysteriöses Ende in Baltimore ereilte.

Niemand weiß, was der Poet Poe im Herbst 1849 überhaupt in der pulsierenden Hafenstadt an der Chesapeake Bay wollte, in der er früher einmal gewohnt hatte. Man weiß, dass er sich vorher in Richmond befand, um von dort direkt nach New York zu reisen, wo er seit einigen Jahren lebte. Warum er plötzlich seine Pläne änderte und was mit dem ungewöhnlich vielen Geld geschah, das er nachweislich in bar bei sich trug, wird man wohl nie erfahren.

Tatsache ist, dass Edgar Allan Poe bereits seit einer Woche als verschollen galt, als ein Passant den hilflos lallenden und völlig verwahrlosten Schriftsteller am 3. Oktober 1849 vor der verrufenen Kneipe Ryan´s Tavern in Baltimore auffand.

Erst der herbei gerufene Arzt erkannte, dass es sich um Poe handelte. Dieser, eigentlich für seine elegante Kleidung und sein gepflegtes Auftreten als „Gentleman des Südens“ bekannt, war nicht in der Lage zu beschreiben, was ihm widerfahren war, wer ihm sein Geld geraubt hatte und warum er in fremden Lumpen auf der Straße umherirrte. Auch im Washington College Hospital, wohin man Poe in die Obhut Dr. John J. Moran gebracht hatte, kam der halluzinierende Schriftsteller nicht wieder zu klarem Verstand. Laut Zeugen schrie er in der letzten Nacht vor seinem Tod noch mehrfach den Namen „Reynolds!“ – was das jedoch zu bedeuten hatte, bleibt ein Rätsel.

Nach vier Tagen in Agonie verschied Edgar Allan Poe im Krankenhaus, ohne einen erhellenden Satz geäußert zu haben. Offizielle Todesursache: Unbekannt. Alle medizinischen Befunde oder der Totenschein, falls es jemals einen gab, gingen verloren. Woran er wirklich starb, bleibt Gegenstand nimmer endender Spekulationen: Alkoholismus, Cholera, Tollwut, Mord, Selbstmord, Diabetes, Meningitis – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Die Beerdigung fand am feucht-kalten 09. Oktober 1849 auf dem Friedhof der Westminster Kirche in Baltimore statt. Da weniger als zehn Personen anwesend waren, zeigte sich der Priester nicht gewillt, eine Rede zu halten. So verschwand Edgar Allan Poe mit einer „zeremonienfreien Blitzbestattung“ binnen drei Minuten sang- und klanglos in der Erde. Unter einem schlichten Sandstein mit der Ziffer 80. Vorübergehend.

Später stellte sich nämlich heraus, dass Poe am falschen Platz beigesetzt worden war, und man bettete ihn 1875 um – mit angemessenem Grabstein und würdigem Zeremoniell. Frank T. Zumbach beschreibt in seiner grandiosen Poe Biografie (dtv) ein schauriges Detail: „Ein Zeitungsreporter aus St. Louis war bei seiner Exhumierung zugegen: `Poes Gehirn war so vertrocknet und hart geworden, dass es, als der Totengräber den Schädel aufhob, darin klapperte wie ein Dreckklumpen´“.

Das Werk Edgar Allan Poes genoss ein Vierteljahrhundert nach seinem Ableben bereits weltweite Anerkennung. Aber der zu seinen Lebzeiten ohnehin angeschlagene gesellschaftliche Ruf des Schriftstellers war in der öffentlichen Wahrnehmung zu der Zeit endgültig ruiniert. Dafür zeichnete besonders Poes Nachlassverwalter und Neider, der Schriftsteller Rufus W. Griswold, verantwortlich. Dieser hatte Poe persönlich gekannt und hasste ihn als Konkurrenten. Mit verzerrten und falschen Darstellungen porträtierte Griswold den „Paten der Schwarzen Romantik“ so dauerhaft und erfolgreich als unmoralischen Trunkenbold und drogenabhängigen Halbverrückten, dass seine „posthume Exekution des Charakters Poes“ bis ins 20. Jahrhundert nachwirkte.

Davon war am 09. Oktober 2009 nicht mehr viel zu spüren, als Edgar Allan Poe 200 Jahre nach seiner Geburt endlich ein würdiges – drittes – Begräbnis in Baltimore erhielt. Am 18.09.2009 schrieb DER SPIEGEL (43/2009): „… Jeff Jerome, Kurator des »Poe House and Museum« in Baltimore, initiierte zum Todestag des Pioniers der modernen Kriminalliteratur einen Trauerzug, inklusive schwarzer Kutsche, Sarg und Leiche - aus Kunststoff. Hunderte zollten dem Meister des Makabren Respekt.“ – Eddy hätte das bestimmt gefallen.

Die Top 13 Erzählungen von Edgar Allan Poe

13. DAS OVALE PORTRÄT

Dies ist die schauerliche Geschichte eines vampirischen Malers, der die Schönheit seiner jungen Frau auf Leinwand bannen möchte. Doch je schöner er sie malt, desto mehr saugt ihr das das Leben aus dem Körper. 

12. DIE SPHINX

Diese amüsante Kurz-Geschichte zeigt die Auswirkungen von Isolation auf den menschlichen Geist. Ein paranoider Mann flüchtet zu Verwandten in ein Haus am Hudson River, um einer in New York herrschenden Cholera-Epidemie zu entkommen. Dort entdeckt er in der Ferne ein riesiges Ungeheuer, das einem Elefant mit Flügeln ähnelt. Er interpretiert das als ein Zeichen des Todes.

11. ELEONORA

Im Mittelpunkt steht die leidenschaftliche Liebe zwischen einem jungen Mann und seiner Cousine Eleonora, die zusammen in einem abgeschiedenen Bergtal leben. Doch die junge Frau erkrankt und wird sterben. Er schwört, dass er ihr treu bleiben wird, bis zu seinem Tod.  

10. DAS FASS VON AMONTILLADO

Irgendwo in Italien zu Zeiten des Karnevals. Der Erzähler will sich an einem verhassten „Freund“ rächen, lockt ihn unter einem Vorwand in die Gewölbe unter seinem Palazzo und mauert ihn lebendig ein. Es geht doch nichts über echte Freunde.

9. DOPPELMORD IN DER RUE MORGUE

In Paris werden zwei Frau in einem Zimmer brutal ermordet aufgefunden. C. Auguste Dupin steht vor einem scheinbar unlösbaren Fall, denn Fenster und Türen des Zimmers sind von innen verriegelt. Hier ist der ganze Scharfsinn Poes methodischen Detektivs gefragt. Keine leichte Aufgabe.

8. DER KOBOLD DES PERVERSEN

Diese Erzählung ist eine Studie über die Perversität des menschlichen Geistes und unseren unerklärlichen Wunsch nach Selbstzerstörung. Dem Drang sich in die Tiefe zu stürzen. Nicht etwa, um sich umzubringen, sondern nur um zu wissen, wie es sich anfühlt. Das ist der Kobold des Perversen. Edgar Allen Poe hat diesen in eine spannende Kurzgeschichte gepackt.

7. DER UNTERGANG DES HAUSES VON USHER

Wohl die berühmteste Erzählung von Poe, die sich mit seinem Lieblingsthema beschäftigt: lebendig begraben. Schauriges Ambiente und gruselig skurrile Gestalten. Mehr muss man dazu nicht sagen.

6. DIE VORZEITIGE BEERDIGUNG

Erneut Poes Lieblingsthema – Katalepsie beschreibt die Urängste lebendig begraben zu werden. Der Protagonist leidet unter einer Krankheit, die ihn immer wieder in einen komatösen Schlaf fallen lässt. Aus panischer Angst davor, dass man ihn dabei aus Versehen für tot erklären und lebendig begraben könnte, stattet er vorsorglich sein zukünftiges Grab mit diversen Fluchtmöglichkeiten und Proviant aus. Eines Tages wird sein Albtraum wahr und er erwacht in einem Grab. Panisch stellt er fest, dass es nicht seines ist… 

5. DIE GRUBE UND DAS PENDEL

Toledo zu Zeiten der spanischen Inquisition: Der zum Tode verurteilte Protagonist fällt nach der Verkündung seines Urteils in Ohnmacht und findet sich im Dunkeln auf dem feuchten Steinboden seiner Kerkerzelle wieder. Von der Decke gleitet langsam ein großes Eisenpendel auf ihn herab, das ihn zu zerschneiden droht.

4. DIE SCHWARZE KATZE

Ein warmherziger junger Ehemann und Katzenliebhaber wandelt sich unter Alkoholeinfluss zum hasserfüllten Tierquäler. Von ihm ergreift der „Geist der Perversität“ Besitz, den auch seine Frau zu spüren bekommt. So nimmt das Unheil seinen Lauf. Ein gruseliger Blick in die Abgründe einer alkoholdurchtränkten Seele.

3. DIE MASKE DES ROTEN TODES

Prinz Prospero flüchtet vor eine Seuche namens „Der Rote Tod“ und zieht sich hierfür in seine eigens entworfene Abtei zurück. Abgeschottet von der Außenwelt, fühlt er sich dort sicher und gibt in dem außergewöhnlichen Gebäude einen pompösen Maskenball. Die ausgelassene Stimmung auf dem ausschweifenden Fest ändert sich jedoch abrupt, als eine Gestalt in der Maske des roten Todes auftaucht.

2. BERENICE

Zähne sind die einzigen Knochen, die während des Lebens sichtbar sind. 
Berenice ist eine Horror-Kurzgeschichte, die 1935 erstmalig im „Southern Literary Messenger“ veröffentlicht wurde. Die Erzählung löste Entsetzen bei den Lesern über die Gewalt aus, woraufhin sich einige beim Herausgeber des Messenger darüber beschwerten.

1. DAS VERRÄTERISCHE HERZ

Ein Klassiker der Schauerliteratur. Ein Mann verspürt einen unbändigen Drang, einen alten Mann zu töten, weil dieser ein blassgrau überzogenes Auge hat. Ein tödlicher Hass überkommt ihn jedes Mal, wenn er ihn damit ansieht. Und er redet sich permanent ein, völlig vernünftig zu sein. 
Die Geschichte ist ein Paradebeispiel für literarischen Suspense. Der Leser weiß von Anfang an, dass dieser Mord stattfinden wird. Die spannungstreibende Frage ist jedoch das Wann und das Wie. Das verräterische Herz ist Poes bei weitem tiefster Abstieg in die Gedankenwelt eines Psychopathen. 


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